Taktische Phrasen – kleines Wort und große Wirkung

In einem der vorherigen Einträge habe ich mich ja bereits darüber ausgelassen, dass Politiker eigentlich schon durch ihre Jobbeschreibung dazu gezwungen sind, bei ihren Äußerungen im Nebulösen zu verharren, da sogenannte „klare Ansagen“ sogar das Karriereende einläuten könnten. Denn, wer einmal „A“ gesagt hat, ohne, dass ein „B“ folgt, der findet sich in diesem Geschäft all zu schnell im Aus wieder. Also verwenden Politiker Phrasen, Floskeln, Versatzstücke. Alles halb so schlimm. Denn das tolle daran ist: Wir erkennen den größten Teil dieser Phrasen sofort und speichern sie als solche ab. Es gibt aber eine Steigerung der erkennbaren Phrase, die noch einen Schritt weitergeht und deshalb nur auf den zweiten Blick zu erkennen ist. Ich nenne sie: Die taktische Phrase. Eine Aussage, die so konkret scheint, dass sie von der Öffentlichkeit nicht mehr als Phrase wahrgenommen wird und genau deshalb verfängt.

Keine Alternative zu alternativlos

Vor ein paar Jahren wäre den Beratern von Angela Merkel fast ein kommunikatives Meisterstück gelungen. Sie entdeckten das schöne Wort „alternativlos“ für ihre Chefin. Und damit ein Wort, das optimal zur Kanzlerin passte. Denn eigentlich bedeutet „alternativlos“ nichts anderes als „Basta!“. Ja – genau das „Basta!“, mit dem ihr Amtsvorgänger Gerhard Schröder immer in Verbindung gebracht wurde. Aber verbales auf den Tisch hauen passt nicht zur Anmutung Merkels und einer Politik der eher leisen Töne. Da man aber eben doch ein „Basta!“ brauchte, wurde „alternativlos“ das Mittel der Wahl.

Dass es kein wirkliches Meisterstück wurde, liegt nach meiner Meinung einzig an der inflationären Verwendung dieses Wortes. Nicht nur Merkel, sondern auch der Rest der Regierung nahm es in den Sprachgebrauch auf. Und schon passierte das, was in so einem Fall nicht passieren darf: Das Wort wurde als das enttarnt, was es eigentlich ist – eine taktische Phrase. Denn natürlich hätte es etwa zur Griechenlandrettung – objektiv gesehen – eine Alternative gegeben. Nur wäre die nicht im Sinne der deutschen Regierung oder der EU gewesen. Korrekt hätte Merkel also sagen müssen: „Für mich (oder für die Bundesregierung) ist dieses Vorgehen alternativlos.“

Ein simpler Trick – den Gegner „cornern“

Aber genau das hätte der taktischen Phrase jede Wirkung entzogen. Die Technik, eine Phrase als Aussage zu tarnen, funktioniert nur dann – und das klingt etwas komisch – wenn man sie möglichst zuspitzt. Wenn ich also an die Stelle einer klaren Aussage ein sinnentleertes Wort setzen möchte, dass nur nach klarer Aussage klingt, darf ich es nicht verwässern. Jeder Zusatz wie „Ich denke,…“, „Ich glaube,…“ oder auch nur „für mich…“ lässt der Gegenpartei die Flanke offen, genau dort hineinzustoßen. Nur mit einer möglichst zugespitzten Formulierung erreiche ich, dass ich meinen Gegner in die Defensive dränge: Der Boxer sagt dazu „cornern“.

Spielen wir es einmal durch:

Version 1:

„Das ist für mich alternativlos.“

„Ja – aber auch nur für Sie.“

Version 2:

„Das ist alternativlos.“

„Nein. Ist es nicht.“

„Dann nennen Sie mir eine Alternative.“

 

Version 1 verschafft meinem Kontrahenten die bessere Position. Er kann mich mit einem Satz auskontern und ich bin gezwungen, darauf zu reagieren. In Version 2 habe ich die besseren Karten. Er kann nicht sofort gegenargumentieren, sondern muss eine zusätzliche Stufe einziehen. Er muss meine Äußerung als „Lüge“ identifizieren. Damit spielt er mir den Ball zu. Nun kann ich ihn auffordern, den Gegenbeweis anzutreten. Ich zwinge ihn also dazu, seine Argumente früher auf den Tisch zu legen, als er es eigentlich geplant hat. Ich drehe die Beweislast um und habe die Vorteile auf meiner Seite.

Aus Erfahrung nicht in Frage gestellt

Verlässt man den Elfenbeinturm der Politik und nimmt die taktische Phrase mit auf die Straße, hat sie eine ganz andere Wirkung, die man nicht unterschätzen sollte. Die Botschaft „alternativlos“ hat bis zu ihrer Enttarnung bei vielen Menschen erreicht, dass sie diese Aussage als quasi „gottgegeben“ hingenommen haben. Nicht etwa, weil sie treue CDU-Wähler waren, sondern weil uns unser Hirn ab und zu einen kleinen Streich spielt:

Unser Sprachverständnis basiert auf erlerntem und erfahrenem Wissen, das ständig erweitert und überprüft wird. Um Worte und ihre Bedeutung schneller identifizieren zu können, scannt unser Gehirn jede Äußerung nach Signalworten oder Signalwortteilen ab. Ist ein solches gefunden, kann das Wort schneller kategorisiert und verarbeitet werden.

Ein Beispiel:

„Das möchte ich nicht.“ ist eine klare Aussage, die wir schnell kategorisieren können, weil das Signalwort „nicht“ verwendet wird.

„Es wäre mir lieber, wenn wir das anders machen würden.“ hat exakt die gleiche Bedeutung, ist aber nicht nur länger, sondern auch wesentlich schwieriger zu kategorisieren. Es bedarf einer Nachfrage.

Natürlich ist es bei „alternativlos“ der Wortteil „-los“, der den Aussachlag gibt. Wie in „hilflos“ oder „sinnlos“ hat er eine negative Konnotation, die uns die eindeutige Nachricht sendet: Hier fehlt etwas. Entweder „Hilfe“ oder „Sinn“ oder eben eine „Alternative“. Und genau so wird dieses Wort erst einmal von uns abgespeichert. Nur durch aufmerksames Nachfragen und die daraus resultierende Enttarnung gelingt es dann auch, das Wort als das zu identifizieren, was es ist: Eine taktische Phrase.

Dass Frau Merkel ausgerechnet diese Phrase wenig später mit Macht auf die Füße gefallen ist, weil sich eine Partei gründete, die sich als Alternative versteht und seit dem mehr oder weniger geschmacklos für Aufsehen sorgt, ist das, was man wohl einen „Treppenwitz der Geschichte“ nennen kann.

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