Wohin mit den Händen? – Tipps zur freien Rede

Eben noch waren sie unverzichtbare Alltagswerkzeuge und plötzlich sind sie überflüssige Körperanhängsel, die rechts und links an den Seiten herunterbaumeln. Dankbar greift man nach einem Mikrofon, der Fernbedienung des Beamers oder hält sich an einem Stehtisch fest. Wohl jeder hat sich schon gefragt, warum wir bei Vorträgen und Auftritten vor Publikum unsere oberen Gliedmaßen plötzlich also so störend empfinden und – noch viel wichtiger – was wir dagegen tun können.

Nur nicht auffallen

Die Antwort auf die Frage nach dem „Warum“ hat zwei Teile: Zum einen ist ein Auftritt vor einer Menge immer eine Ausnahme- und Stresssituation. Wir sind schutzlos einer größeren Menge ausgeliefert. In diesem Moment schaltet unser System in den „Nur-nicht-auffallen“-Modus und identifiziert jede Geste als überflüssig und störend. Also lassen wir die Arme baumeln. Und genau das läuft den Kommunikationszentren unseres Gehirns entgegen. Diese „wissen“ natürlich, dass Gestik unbedingt zum Sprechen gehört und senden die Botschaft: „Hey! Deine Arme hängen nutzlos an der Seite runter!“ Was also in diesem Moment stattfindet ist eine Art Wettkampf zwischen unserem „Fluchttrieb“ und unserem Intellekt. Zum anderen ist Gestik in einem „normalen“ Gespräch immer zielgerichtet. Der Idealfall ist ein Zuhörer, auf den wir sie abstimmen. Je mehr Menschen uns zuhören und beobachten, desto schwieriger ist es natürlich, dies zu tun. Wir sind schlichtweg ein bisschen überfordert.

Bei sich selbst bleiben – manchmal auch unkonventionell sein

Allen Tipps und Hinweisen, die nun folgen, liegt ein zentraler Gedanke zugrunde: Unser Körper, unser gesamtes System, benötigt in der genannten Ausnahmesituation eine erhöhte Energiemenge für den Vortrag oder die Rede. Da wir aber nur 100% Energie haben, müssen wir dafür sorgen, dass wir möglichst wenig Energie in Dinge stecken, die von dieser Hauptaufgabe ablenken. So gelingt es, den Fokus auf das Wesentliche zu richten.

Die Kleidung:

Wer den Alltag mit Jeans und Hemd bestreitet, sollte sich evtl. nicht ausgerechnet in einer solchen Situation auch noch in Anzug und Krawatte zwängen. Ich weiß, dass dieser Tipp gerne die Freunde der Konvention auf den Plan ruft, aber es bedeutet ja nicht, in Jeans und Turnschuhen aufzutreten, sondern einfach Kleidung zu wählen, in der man sich wohl fühlt, die aber immer noch „vorzeigbar“ ist. Außerdem ist ein guter Vortrag in schlechten Klamotten immer besser als ein schlechter Vortrag in guten.

Die Präsentation:

Wenn man es nicht gewöhnt ist, eine Power-Point-Präsentation zu bedienen, weil man sie im Normalfall nicht braucht, sollte man evtl. darüber nachdenken, ob es wirklich Sinn macht, sie einzusetzen. Wieder ein Bruch mit Konventionen. Aber evtl. reichen schon ein paar Slides, um die wirklich wichtigsten Punkte aufzuzeigen?

auswendig oder abgelesen?

Auch hier gilt: Wer sich besser fühlt, wenn er Fließtext abliest, soll dies tun. Wer sich nur mit Stichpunkten sicherer fühlt, sollte diese wählen. Nirgends steht geschrieben, dass ein Vortrag oder eine Rede frei gehalten oder abgelesen werden muss.

Sitzen, stehen, spazieren gehen

Wenn Sie sich im Sitzen besser fühlen, lassen Sie sich einen Barhocker auf die Bühne stellen, wenn sie lieber herumlaufen, dann tun Sie das. Hätten Sie gerne ein Stehpult, sollte eines für Sie bereitstehen.

Machen wir es kurz: Ändern Sie nichts an Ihren Gewohnheiten. Natürlich gibt es Veranstalter, die die Stirn runzeln: „Das machen wir eigentlich nicht.“ oder „Alle unsere Redner nutzen das Rednerpult.“ Brechen Sie einfach mit diesen Konventionen. Schließlich ist ein gelungener Auftritt im Sinne der Veranstalter.

Keine einstudierten Gesten

Zum Schluss noch etwas zum Thema „Gestik“. Einer der besten, wenn nicht sogar der beste Redner der internationalen Politik, war und ist in meinen Augen Barack Obama. Seine Kunst besteht vor allem darin, einstudierte Gestik, Mimik und Körpersprache wie seine eigene aussehen zu lassen. Jeder erhobene Zeigefinger, jede Drehung des Kopfes, jedes nach vorne Neigen wirkt bei ihm natürlich. Nicht gewollt. Nicht einstudiert. Dass sie aber einstudiert sind, lässt sich schön nachweisen, würde aber zu weit führen und folgt später mal als eigenes Thema.

Da wir nicht alle über dieses Talent verfügen, bekommen wir vor Reden und Vorträgen immer wieder gute „Tipps“ von Mitarbeitern oder Freunden oder lesen in Büchern nach, wie man Körpersprache richtig einsetzt. Meiner Meinung nach ist das alles verschwendete Zeit. Wenn man bei öffentlichen Auftritten bei sich ist und in sich ruht, benötigt man keine einstudierte Gestik Das Fatale an ihnen ist: Egal wie oft man sie geübt hat, von den Zuschauern wird sie sofort als künstlich und damit „unecht“ identifiziert. Das liegt daran, dass natürliche Gesten im Normalfall entweder zeitgleich mit oder minimal zeitversetzt vor dem gesprochenen Wort erfolgen (Ausnahmen wie Kunstpausen gibt es immer). Erlernte Gestik aber erfolgt minimal nach dem gesprochenen Wort. Denn schließlich muss sie erst aktiv ausgelöst werden. Dieser Zeitversatz wirkt unsicher und gekünstelt.

Wenn Sie also nicht der Typ für große Gesten sind, verzichten Sie auch bei Ihrem nächsten Vortrag darauf.

Sollte jemand bezweifeln, dass einstudierte Gestik nicht das Gelbe vom Ei ist, der darf mal überlegen, ob er jemals die „Merkel-Raute“ mit dem in Verbindung gebracht hat, was sie darstellen soll: „Brücken und Nachbarschaft“…

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