Verschränkte Arme heißen noch gar nichts

„…oder sehen Sie das anders, Herr Beyer?“ Mit diesem Satz lieferte die Grundschullehrerin eines meiner Kinder vor ein paar Jahren ungewollt die Idealvorlage für ein Thema, dass mir in der Praxis immer wieder begegnet. Denn die die gute Frau, deren Leistung als Lehrerin ich an dieser Stelle ausdrücklich loben will, stand in diesem Moment stellvertretend für unzählbar viele andere Menschen, die Körpersprache fehlinterpretieren, bzw. sie nicht in ihrem vollen Umfang deuten. Das ist im Normalfall nicht weiter tragisch, kann aber vereinzelt auch wirklich ernste Konsequenzen haben.

Grundkurs im Wartezimmer

Die Nachfrage der Lehrerin basierte in diesem Fall darauf, dass ich während unseres Gesprächs die Arme unbewusst vor der Brust verschränkte. Und genau diese Geste löst bei vielen Menschen eine Art Automatismus aus. Irgendwo haben sie mal gelesen, dass verschränkte Arme vor der Brust Ablehnung symbolisieren. Jemand, der dir so gegenübersitzt, wehrt sich innerlich gegen das, was du sagst, will es aber aus bestimmten Gründen nicht äußern.

Um es kurz zu machen: Das ist falsch, beziehungsweise zu einfach. Solche Tipps findet man häufiger in Magazinen und Zeitschriften, die in den Wartezimmern dieser Republik bei Ärzten ausliegen. Sie thematisieren das Umtopfen von Pflanzen, die schönste Herbstdeko und die Frage, welches It-Girl auf welchem Event welches Kleid getragen hat…und greifen – wenn sonst keine Themen mehr anstehen und das Heft voll werden muss – eben auch in die Archivkiste und lancieren dann Artikel mit Titeln wie „Was die Körpersprache über ihren Partner verrät“ oder „Hat er eine andere? Sein Körper verrät es Ihnen.“

Körpersprache – das komplexe System

Zur Ehrenrettung der Lehrerin: Meine verschränkten Arme hätten durchaus ein Zeichen für Ablehnung sein können. Sicherlich. Waren sie aber in diesem Fall nicht. Ich wusste im Gespräch einfach nicht, wohin ich meine Arme packen sollte und wollte mich bequem hinsetzen, sofern das auf einem Stuhl für Grundschüler möglich ist. In Ermangelung eines Tisches, habe ich die Arme also vor der Brust verschränkt. Und das war’s auch schon. Mein Kinn war gehoben, meine Augen offen. Meine Beinstellung war entspannt und meiner Körperspannung quasi nicht vorhanden. Hätte mein Gegenüber das alles mit in Betracht gezogen, dann wäre ihr die Frage nach einer etwaigen Ablehnung gar nicht in den Sinn gekommen.

Körpersprache funktioniert nie über ein Signal, sondern ist eine Bündelung vieler Einzelsignale, die aus großen Gesten, wie etwa dem Verschränken der Arme, statischen Signalen, wie der Körperhaltung und Mikroausdrücken, wie etwa dem leichten Zuneigen des Kopfes zusammensetzt. Das alles muss bei einer Beurteilung oder einer Bewertung in die Überlegung mit einbezogen werden. Für die Körpersprache sind die Umgebung und die Situation, in der sie sich äußert, von entscheidender Bedeutung.

Das „Von-Außen-nach-Innen-Prinzip“

Dieses komplexe Geflecht aus einer Vielzahl an Botschaften lässt sich am ehesten nach einem Prinzip einordnen, dass ich gerne das „Von-Außen-nach-Innen-Prinzip“ nenne: Das bedeutet, dass es dem Menschen nur zu einem Bruchteil möglich ist, seiner Körpersprache komplett im Griff zu haben. Das schaffen eigentlich nur Ausnahmeschauspieler. Wenn ich also wirklich die Körpersprache eines Menschen lesen möchte, arbeite ich mich von außen nach innen durch. Am ehesten lassen sich große Gesten steuern. Also achte ich darauf, wie Hände und Arme zum Einsatz kommen und sehe dann, ob diese Gestik mit der Körperhaltung, der Kopfhaltung, oder den Beinen korrespondiert. Dasselbe tue ich dann mit der Mimik meines Gegenübers. Wenn sich Diskrepanzen ergeben, dann ist die Wahrscheinlichkeit ziemlich hoch, dass die großen Gesten nicht das widergegeben haben, was der Mensch eigentlich fühlt und denkt. Ich sage absichtlich: Die Wahrscheinlichkeit ist ziemlich hoch. Eine 100%ige Gewissheit gibt es beim Beurteilen der Körpersprache nie. Dafür ist sie viel zu komplex.

Es kann auch Folgen haben

Nun war die Situation bei der Grundschullehrerin nicht wirklich kriegsentscheidend. Sie ist eher eine nette Anekdote, um das Thema aufzugreifen. Aber nehmen wir mal an, die Lehrerin wäre keine Lehrerin gewesen und ich kein Vater. Sondern wir legen diese Situation in ein Vorstellungsgespräch um. Da wird es dann etwas schwieriger: Die Personalchefin sieht, dass der Bewerber die Arme verschränkt und deutet daraus Abneigung, weil sie das mal irgendwo gelesen oder gehört hat. Und schon verliert, überspitzt formuliert, ein Unternehmen einen evtl. idealen Kandidaten für einen Job. Deshalb an dieser Stelle immer mein Tipp: Schaffen Sie in Personal- oder Einstellungsgesprächen immer eine Gesprächsatmosphäre, die für den Menschen auf der anderen Seite des Tisches angenehm ist. Das heißt nicht, einen Teller mit Keksen auf den Tisch zu stellen oder einen schönen Blumenschmuck. Es geht darum, dem Gegenüber im wahrsten Sinne des Wortes „Raum zu geben“:

 

Bei Vorstellungsgesprächen:

Es sollte ein Tisch vorhanden sein, auf dem die Hände abgelegt werden können

Sie sollten freien Blick auf den Körper des Bewerbers haben

Sitzen Sie sich gegenüber, nicht seitlich versetzt.

Führen Sie keine Gespräche am Schreibtisch, auch wenn er noch so groß ist

 

Bei Personalgesprächen:

Keine Gespräche im Büro des Chefs / der Chefin

Lassen Sie den Mitarbeiter den Tageszeitpunkt mitbestimmen

Sie müssen eine klare Vorstellung vom Gesprächsergebnis haben

 

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Verschränkte Arme heißen noch gar nichts