Schon mal ein heiseres Baby gesehen – Teil 1?

Wahrscheinlich müssen Sie lange überlegen und noch wahrscheinlicher ist, dass Sie sich nicht erinnern können. Was weniger an Ihrem Gedächtnis liegt, sondern viel mehr daran, dass heisere Babys extrem selten sind.* Das ist umso ungewöhnlicher, als dass Babys durchaus im Stande sind, regelmäßig und über lange Zeiträume aus Leibeskräften zu schreien. Machen Sie doch einfach mal den Selbstversuch: Legen Sie sich ins Bett und schreien Sie, was die Lungen hergeben. Wenn die Polizei, die von Ihrem Nachbarn gerufen wurde, Sie nicht unterbricht, stehen die Wetten relativ gut, dass Ihre besten Freunde der nächsten Tage Salbeitee und Flüstern sind. Warum aber ist das bei Babys nicht so?

Überlebenswichtige Laustärke

Das Thema „Evolution“ wird hier immer wieder vorkommen, was daran liegt, dass unsere gesamte Kommunikation viele Überbleibsel aufweist, die aus längst vergangenen Zeiten kommen. Und genau das gilt auch für Babyschreien. In einer Zeit, in der nicht jedes wohlige Seufzen aus dem Kinderzimmer direkt auf das Smartphone übertragen wurde, war Schreien für Neugeborene überlebenswichtig. Dies ist die einzige Möglichkeit für Babys, sich verbal mitzuteilen. Und das tun sie, je nach Anlass mehr oder weniger intensiv und – wenn es sein muss – auch über lange Strecken. Ein heiseres Baby kann nicht um Hilfe rufen.

Wie machen die das?

Das Geheimnis, das dahinter steckt, liegt in der Atemtechnik der Säuglinge. Als Neugeborene verwenden wir die sogenannte „Zwerchfellatmung“ oder „Bauchatmung“. Ich nenne sie auch gerne „passive Atmung“. Denn dabei strömt die Atemluft, im Gegensatz zum aktiven Luftholen, wie von selbst in den Körper und füllt die Lungen.

Dreh und Angelpunkt dieser Technik ist etwas, was man später meistens nur mit Schluckauf in Verbindung bringt: Das Zwerchfell. Diese „Platte“ aus Muskeln und Knorpeln liegt unter der Lunge und trennt den Bauch- vom Brustraum. Beim Leeren der Lunge wird diese kleiner und zieht sich zusammen – das Zwerchfell wandert mit nach oben. Ist die Lunge leer, holt das Baby nicht aktiv Luft, sondern es passiert innerhalb von Millisekunden folgendes: Der Rachen und der Kehldeckel werden maximal geöffnet und die Stimmbänder zur Seite gedrückt. Das Zwerchfell „schnalzt“ nach unten und erzeugt so in der Lunge einen Unterdruck. Wie bei einem Blasebalg wird die Luft eingesogen.

Technik – nicht nur für Profis

Dieser Ablauf, dieses Aufeinanderfolgen von verschiedenen Mechanismen, die ineinandergreifen, nötigt einem nicht nur ob seiner Komplexität Respekt ab, sondern sorgt eben auch dafür, dass der hochempfindliche Bereich in unserem Kehlkopf, der für die Schallerzeugung zuständig ist (Stimmritze, Stimmbänder), bestmöglich geschützt wird. Beim passiven Atmen werden die Stimmbänder wie beschrieben fast schon sanft auf die Seite gedrückt und der Lufteinlass wird auf ein Optimum vergrößert. Sozusagen genau das Gegenteil passiert beim aktiven Luftholen. Und das ist genau die Technik, die „Otto-Normal-Verbraucher“ verwendet. Hier werden diese Automatismen übersprungen. Normalerweise sind Stimmbänder durch eine Schleimschicht geschützt. Beim aktiven Atmen, beim Schnappen nach Luft, werden die Stimmbänder eben nicht auf die Seite geräumt, sondern die Luft fließt direkt an ihnen vorbei. Versuchen Sie es jetzt selbst und atmen Sie tief ein. Das kühle Gefühl im Rachen ist genau dieser Luftstrom. Beim passiven Atmen fühlen Sie den nicht. Dort, wo die schützende Schleimschicht nicht ganz intakt ist, werden die Stimmbänder von der Luft angegriffen und aufgeraut. Raue Stimmbänder = Heisere Stimme.

Aber warum stellen wir dann auf aktive Atmung um? Und wann? Das klärt sich in Teil 2

 *= Natürlich gibt es auch heisere Babys. Allerdings ist diese Heiserkeit meistens auf einen Infekt oder eine Krankheit zurückzuführen.

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