Politikersprache – Warum „Nein“ auch „Vielleicht“ heißen kann

Für eine gelungene, ideale Kommunikation sind viele Dinge nötig. Wenn es aber schon an den substanziellen mangelt, ist der Weg ins Missverständnis vorprogrammiert. Wer jemals versucht hat, ohne gemeinsame Sprachbasis mit einem Chinesen zu kommunizieren, der weiß, wie schwer es sein kann, Mimik und Gestik eines anderen Kulturkreises richtig einzuordnen.

Aber man muss gar nicht so weit reisen. In einer Telefonkonferenz mit einem britischen Unternehmen habe ich vor ein paar Jahren Ideen präsentiert und ich war anschließend der festen Überzeugung absolut ins Schwarze getroffen zu haben. So lange bis ein deutscher Konferenzteilnehmer mir sagte, ich solle mir nichts aus der Abfuhr machen. Da merkte ich, dass das, was ich als verhaltene Begeisterung gedeutet und als Lob verstanden habe, eine eindeutige Absage gewesen war. Briten sind im Allgemeinen zu höflich, als dass sie negative Kritik offen und direkt äußern würden. Oder nehmen wir den Bulgaren, der in einer Unterhaltung mit dem Kopf nickt. Damit gibt er eindeutig zu verstehen, dass er nicht einverstanden ist.

Klarer Fall: Kommunikation funktioniert nur dann, wenn alle Beteiligten den mehr oder weniger gleichen Background haben. Und genau daran scheitert die Kommunikation mit Politikern. Das Faszinierende daran: Sie können noch nicht mal was dafür.

„Ja“ heißt „Ja“…oder „vielleicht“…oder „mal sehen“…oder „Nein“

Nehmen wir an, Sie machen mit einem Freund aus, sich im Kino zu treffen. Den neuen Star Wars-Film schauen. An der Kasse sehen Sie, dass Ihr Freund noch zwei weitere Bekannte mitgebracht hat. Die hatten auch Lust auf einen Kinoabend. Das Problem aber: Während der eine mit Actionfilmen nichts anfangen kann, mag der andere kein „Weltraumzeug“. Die Diskussionen beginnen und es gibt genau zwei Möglichkeiten, wie der Abend endet: Entweder Sie können sich partout nicht auf einen Film einigen und gehen getrennt ins Kino. Dann ist aber das Ziel, einen Film gemeinsam zu sehen, nicht erreicht. Oder Sie einigen sich auf einen Film, mit dem alle vier Beteiligten leben können, der aber für keinen die Ideallösung darstellt. So wird aus dem anfänglichen „Ja“ innerhalb weniger Minuten ein „vielleicht“, ein „mal sehen“ oder sogar ein „Nein“.

Politiker stehen jeden Tag vor exakt dieser Herausforderung. Nur, dass sie nicht die persönlichen Wünsche von vier Individuen unter einen Hut bringen müssen, sondern die Forderungen von Verbänden, Organisationen, anderen Staaten und der eigenen Partei.

Der Kompromiss als Beruf

Um dies zu schaffen, muss ein Politiker vor allem eines können: Kompromisse eingehen. Und wie wir alle wissen, ist ein Kompromiss nie das, was man eigentlich wollte. Zum Berufsbild des Politikers gehört deshalb die unklare Äußerung. Denn ihm ist bewusst, dass ein „Ja“ oder ein „Nein“ von der Öffentlichkeit genau als solches verstanden wird. Ohne Deutungsmöglichkeit. Wenn er sich also zu einem Thema mit einem „Nein“ oder einem „Ja“ äußert, geht er jedes Mal das Risiko ein, bereits am nächsten Tag zurückrudern und erklären zu müssen, warum er seine Meinung geändert hat. Denn bleibt er bei seiner Meinung und widerspricht damit zum Beispiel der Mehrheit seiner Partei, hat er in seinem Beruf wenig Überlebenschancen. Er muss also den Drahtseilakt zwischen Ansehen bei den Wählern und Erfolg im Beruf vollführen.

„Keine Frage“, sagen jetzt die meisten. „Der Wähler ist der ausschlaggebende Faktor.“ Sicher, dass es so ist? Sie würden einen Politiker wiederwählen, der zwar unerschütterlich bei seiner Meinung geblieben ist, dadurch aber auf ganzer Linie versagt und in vier Jahren nichts erreicht hat? Deshalb werden Sie von einem erfahrenen Politiker nur in den seltensten Fällen eine klare Ansage erhalten. Das liegt nicht vornehmlich am Charakter des Politikers, sondern vor allem an seinem Beruf. Es gibt nur zwei Gruppen von Politikern, die sich in der Öffentlichkeit eine persönliche Meinung leisten: Die Unerfahrenen, die noch nicht wissen, dass ihnen das zwangsläufig auf die Füße fallen wird, und die, die sich ihrer Sache so sicher sind, dass sie auf niemanden Rücksicht nehmen müssen.

Zu Guttenberg und Bosbach

Zur ersten Gattung gehörte Karl-Theodor zu Guttenberg. Als Wirtschaftsminister drohte er 2010 in der Opel-Krise offen mit seinem Rücktritt, da er dem sogenannten „Magna-Deal“ nicht zustimmen konnte. Dass er seinen Worten keine Taten folgen lassen musste, lag einzig und allein daran, dass Magna das Interesse an Opel verlor. Anschließend hat der gute Freiherr sich bis zu seinem Rücktritt nie wieder so bereitwillig zu einem persönlichen Statement hinreißen lassen. Wolfgang Bosbach ist der Vertreter der anderen Gruppe. Seit Jahrzehnten im Bundestag und mit einer satten Mehrheit der Erststimmen seine Wahlkreises gewählt, muss er keine Rücksicht auf Interessensgruppen nehmen und konnte offen gegen die Rettungsschirme für Griechenland stimmen.

Fazit

Immer wieder wünschen wir uns Politiker, die „klare Kante“ zeigen. Wir wünschen uns Menschen mit Rückgrat, die zu dem stehen, was sie sagen. Allein: Das System, und damit wir alle, sortiert exakt diese Menschen aus. Politiker, die ihre persönliche Meinung kompromisslos nach außen tragen haben die Halbwertszeit von Eis in der Sonne. Wir werden also damit leben müssen, dass unsere Politik vor allem eines nicht kann: Klare Ansagen machen.

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Politikersprache – Warum „Nein“ auch „Vielleicht“ heißen kann